Bis vor wenigen Monaten hatte kaum jemand etwas über Brauen in
Schwalenberg gehört und jetzt ist dort ein Verein mit knapp 30
Mitgliedern und ein Gemeinschafts-Brauhaus mit einer Nutzfläche
von ca. 60 Quadratmetern entstanden. Ausgestattet mit 2
elektrisch beheizten Sudkesseln - 250 und 300 Litern
Nutzvolumen, ein passender Läuterbottich, ein Kühlhaus von 2,5 x
3,5 Metern, Aufenthaltsraum, Toilette und so einiges mehr. Gibt
es da den Big Sponsor oder waren die Heinzelmännchen wieder
unterwegs?
Anfang 2004 tauchen im Braukurs „Bier aus eigener Küche“ beim
Autor dieser Zeilen, vier Mittvierziger auf. Zwei davon, der
heutige Vorsitzende der Schwalenberger Brauzunft Frank Ehlert
und sein Stellvertreter Fritz Beckmann hatten kurz vor ihrer
gemeinsamen Urlaubsreise einen Fernsehbericht über Bierbrauen
gesehen und das Thema selber Bier brauen dann im Urlaub
vertieft. Als dann kurze Zeit später im Programm der
Volkshochschule der Braukurs erschien, war der der Bazillus
endgültig übergesprungen und sie begeisterten auch andere
Freunde – Schützenbrüder – an dem Kurs teilzunehmen.
Als die ersten häuslichen Brauversuche begannen, gesellten sich
schnell weitere Interessenten dazu, darunter auch eine Frau, die
bis heute einzige Frau der Schwalenberger Brauzunft. Keller,
Küchen und Carports wurden bald zu klein. Auch befriedigten die
gebrauten Mengen, die ein privater Stromanschluss hergibt,
unsere Braufreunde nicht auf Dauer. Da natürlich auch mal etwas
schiefgehen kann hielt man Kontakt zu Jürgen Reuß und wurde
Mitglied im VHD. Wie Frank Ehlert berichtet, haben insbesondere
die Flaschenpost-Artikel eine ungeheuer motivierende Wirkung auf
die Braugruppe gehabt. Bald wurden in der Schwalenberger
Braugruppe kühne Pläne geschmiedet. Man wollte versuchen die
ortsansässige Gastronomie mit ins Boot zu holen.
Dazu muss man wissen, dass Schwalenberg ein mittelalterliches
Städte-Kleinod ist, die vielleicht einzige, mittelalterliche
Stadtanlage im norddeutschen Raum, die bis heute von 3 Seiten
keine moderne Anschlussbebauung erfahren hat und nicht nur
deshalb als wirklicher Geheimtipp gehandelt werden darf. Da der
Ort, mit seinem historischen Ortskern, sich auf seiner kleinen
Bergterrasse nicht ausdehnen konnte, hat er wie vor 500 Jahren
auch heute noch, nur ca. 2000 Einwohner. Dafür kann er aber mit
6 Gaststätten aufwarten. Aber die Gastwirte waren am Ansinnen
der Braufreunde auf eine kleingewerbliche Braueinrichtung nicht
interessiert.
Diese Absage stiftete für einige Monate Verwirrung. So war erst
im Sommer 2005 die neue Idee gereift, ein Brauhaus mit eigener
(finanzieller) Kraft und als gemeinnütziger Verein auf die Beine
zu stellen.
Zur Vorbereitung auf die zahlreichen Behördengespräche wurde nun
auch Markus Harms kontaktiert, der mit Mustersatzungen und
zahlreichen Informationen aus überregionaler Sichtweise
aufwarten konnte. Trotzdem war es noch ein steiniger Weg mit der
Handwerkskammer eine praktikable Abgrenzung zwischen
gewerblicher und nichtgewerblicher Tätigkeit zu finden. So
dürfen die Schwalenberger beispielsweise heute kein
Auftragsbrauen durchführen, sehr wohl aber das erzeugte Bier zur
Kostenbestreitung selbst ausschenken, wenn sich die Gelegenheit
bietet.
Neben der „Gesellschaftsform“ bestand eine weitere
Herausforderung in der Immobiliensuche für die Braustätte.
Nachdem man sich bei zwei privaten Immobilienbesitzern eine
Abfuhr geholt hatte, wagten die Schwalenberger den Gang zum
Bürgermeister. Hier fanden sie ein offenes Ohr, da die Brau
freunde ihrerseits nicht mit leeren Händen kamen,
sondern anboten ein städtisches Gebäude zu sanieren und
zur Bereicherung des touristischen Angebots der Stadt
regelmäßig historische Brauvorführungen durchzuführen.
Es fand sich eine kaum noch benutzte Wagenremise, die,
in relativ zentraler Lage zum Ortskern gelegen, zum
Areal des Bauhofes gehörte und an der seit Jahrzehnten
keine Investitionen mehr vorgenommen wurden. „In der
Tränke 8“ - keine schlechte Adresse für ein Brauhaus.
Damit blieb als entscheidende Hürde noch die
Finanzierung des Projekts übrig. Außer dass man bereit
war, auch persönlich tief in die eigene Tasche zu
greifen, kam der örtlichen Bürgerstiftung eine
entscheidende Bedeutung zu. Die machte schließlich
2.500,00 € locker. Auch wenn das mit einer Vielzahl von
Auflagen verbunden war, so war damit doch schon ein
entscheidender Schritt getan.
Inzwischen befinden wir uns im Frühjahr 2006. Jetzt
startet, die auf 11 Mitglieder angewachsene Braugruppe
ihre Öffentlichkeitsarbeit. So wird zum Aufstellen des
Maibaums erstmals Bier zur Verköstigung angeboten. Der
Sud dazu fand noch bei Schneetreiben im holzbeheiztem
Schlachtkessel statt. Und die Tageszeitung titelte:
„Dunkel, naturtrüb, süffig. Erstes Schwalenberger
Maibock mundete vorzüglich“. Der 2. Schritt ist dann
eine „Bürger- Informationsveranstaltung“ Anfang Juni, zu
der neben ca. 60 interessierten Bürgerinnen und Bürgern
auch Markus Harms und Jürgen Reuß erscheinen. Spätestens
hier merkte man die Euphorie, den besonderen Charme der
Stadt und ihren engagierten Bürgern und die volle
Breitseite an Unterstützung, die für ein solches Projekt
wohl notwendig ist.
Bei beiden Veranstaltungen gehen Spenden ein. Da
parallel zur Öffentlichkeitsarbeit auch die Arbeiten am
Brauhaus beginnen, können die ortsansässigen und einige
regionale Gewerbebetriebe gezielt angesprochen werden.
Auch dadurch kann noch einmal ein erhebliches Sponsoring
in Form von Geld und Gewerken aufgetan werden. Als
weiterer Effekt dieser Öffentlichkeitsarbeit stoßen
weitere Mitglieder zum Verein. So können die
Arbeitseinsätze am Brauhaus auch über die Sommerferien
hinweg aufrechterhalten werden. Tatsächlich sind die
Schwalenberger jede Woche von Montag bis Samstag im
Einsatz.
Eine große Hilfe für die Brauzunft ist auch die
Bereitschaft des ortsansässigen Architekten Klaus
Friedrich, unentgeltlich die Bauzeichnung zu erstellen
und die Bauarbeiten zu betreuen. Viele Utensilien können
im Internet besorgt werden. Andere, wie die
Gasdrucktherme, müssen aber letztlich neu angeschafft
werden. Die beiden Sudkessel stammen aus der Auflösung
einer niederländischen Garnison im Nachbarort und hatten
dort als Suppenkessel gedient.
Natürlich müssen einige Gewerke noch bis zum Frühjahr
2007 warten. Das Dach, das große Eingangstor und der
Schornstein werden in diesem Jahr 2006 nicht mehr fertig
werden können. Trotzdem will man der Bürgerschaft das
Erreichte bei einem Schaubrauen und Tag der offenen Tür
präsentieren.
Zu diesem Ereignis kommen erstmals zahlreiche
Hobbybrauer von Dortmund bis Hildesheim in den kleinen
Ort. Einige übernachten gleich spontan. Aber auch die
Schwalenberger versagen ihre Unterstützung nicht und
kommen zu Hunderten. Am meisten freut man sich an diesem
28.10.2006 aber über weitere fünf neue
Vereinsmitglieder.

Brautag am 28. Oktober: beim Abläutern
Das Pendel der meisten Leser wird nun wohl Richtung
„Schwalenberg ein Sonderfall“ ausschlagen. Und
tatsächlich überrascht, wie viele Bausteine in
Schwalenberg einfach zusammengepasst haben. Das
Ausgangsteam kennt sich bereits seit Jahrzehnten und
vereint alle notwendigen Fachkompetenzen. Am Ort gibt es
eine überlieferte Hausbrautradition. Die Kommune sucht
eine Attraktion und akzeptiert die Brauer als solche.
Ein Haus, wenn auch ein marodes, steht unentgeltlich zur
Verfügung. Und dann auch noch die Bürgerstiftung, die
einen nicht unerheblichen Teil der Finanzierung trägt,
da kann man schon neidisch werden.
Allerdings müssen wir den Schwalenbergern auch etwas
zugestehen, das wir alle an den Tag legen könnten. Sie haben
sorgfältig- strukturiert geplant. Sie haben eine gezielte
Öffentlichkeitsarbeit mit den Projektfortschritten
abgestimmt. Sie sind gleich zu Anfang an alle Behörden und
damit auch an die Kommune herangetreten. Sie haben allen
Gesprächspartnern auch etwas anbieten können, d.h. ihnen
einen Nutzen ihres Handelns plausibel darstellen können.
Darüber hinaus haben sich die Schwalenberger in charmanter
Weise an die örtliche Wirtschaft gewandt und schließlich
alle nur erdenklichen (auch Informations-) Quellen
angezapft.
Miteinander haben Sie das Gemeinschafts-Brauhaus erreicht.
Eine gemeinsame Idee, von vielen getragen, wird mit
vereinten Kräften Realität.
All das hat den Schwalenberger Erfolg sicher genauso
beeinflusst wie die örtlichen Besonderheiten. Kopien will
ohnehin niemand, denn die Hausbrauerszene lebt ja ganz
ausdrücklich von ihrer Vielfalt - und nahezu
Einzigartigkeit. So wie sich jeder freut, wenn das Glück den
Tüchtigen trifft, freuen wir uns mit den Schwalenbergern
über ihren gelungenen Start. Weitere Informationen sind auch
auf der respektablen Internetseite des Vereins zu finden
www. schwalenberger- brauzunft. de.
Man startet 2007 ins erste vollständige Braujahr in den neu
geschaffenen Räumen. Sicherlich gibt es hier und da noch
einiges daran zu optimieren, aber die ersten Ergebnisse
können sich sehen lassen, denn die massiven Baumaßnahmen
haben dem Schwalenberger Bierbrauen nicht geschadet. Das
„neue“ Schwalenberger Bier, derzeit bevorzugt ein
Märzenbier, mundet vorzüglich, wobei man „die“ Rezeptur mit
den Braugeräten noch nicht gefunden hat - und wohl auch
nicht finden will.
Man hat in relativ kurzen Zeit viel erreicht, die
Entwicklung ist aber sicher noch nicht abgeschlossen. Seien
wir gespannt wie sich das Schwalenberger Projekt
weiterentwickelt.
Vielleicht sollten wir alle in unserer Ellbogen-Gesellschaft
mehr gemeinsam unternehmen, statt vereinzelt vor uns
hinzubrauen. Gemeinsam Bierbrauen, das zeigen die
Schwalenberger Braufreunde, ist auch ein kulturelles und
gesellschaftliches Ereignis, dass Menschen einander näher
bringt.
JÜRGEN
REUß
(MIT
UNTERSTÜTZUNG
VON
MARKUS
HARMS
UND
FRANK
EHLERT)
Markus Harms und seine Frau zu Besuch bei den Schwalenberger
Unsere Vereinsfahrt nach Oelde

Maispektakel in Schwalenberg 2008
